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#BNWPurpose: "Für uns kann soziale Nachhaltigkeit nur funktionieren, wenn sie fest in ein Unternehmen und seine Werte verankert ist."

In der Serie zum Purpose- und gemeinwohlorientierten Wirtschaften stellt der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft Unternehmen vor, die sich gegen ein rein gewinnmaximierendes Modell entschieden haben. Die Blogserie „Purpose Economy“ soll praktische Denkansätze zu den Themen Gemeinwohlökonomie, Postwachstum & Suffizienz liefern.

Purpose Projekte BNWPurpose
12. Mai 2022

Das Interview wurde mit Felix Habke, Leiter Marketing der myboo GmbH, geführt.

Bitte beschreibt kurz das Unternehmen. Was macht my Boo aus?

my Boo steht für echte nachhaltige Mobilität. Wir produzieren und verkaufen Fahrräder und E-Bikes mit Rahmen aus Bambus. Diese werden in Kooperation mit einem sozialen Projekt in Ghana gefertigt. Vor Ort schaffen wir Perspektiven durch faire Arbeitsplätze und Bildung. Erzielte Erlöse fließen seit Gründung der Firma im Jahr 2012 in Bildungsprojekte. So konnten mehrere hundert Schulstipendien vergeben werden und im Jahr 2019 endlich die „Yonso Projekt Model School“ eröffnet werden. Diese steht für eine hochwertige Schulbildung für mittlerweile über 500 Kinder.  

Aus welcher Motivation habt Ihr euch entschieden ein Social Business zu gründen? Gab es dazu ein konkretes Ereignis?

Unsere beiden Gründer und Geschäftsführer Maximilian und Jonas haben seit ihrer Jugendzeit den Wunsch eine eigene Unternehmung zu gründen. Dieses sollte aber von Anfang an einen Mehrwert für die Gesellschaft bieten. Als sie sich 2012 in Kiel während des Studiums kennenlernten, kam ihnen gemeinsam die Idee zu my Boo. Ein Freund der beiden war 2012 für ein soziales Jahr in Ghana und entdeckte dort ein Bambusfahrrad. Als er den beiden ein Bild davon schickte, war sofort klar: Das ist ihr Produkt! Für Maximilian und Jonas war es dann von Anfang an wichtig, einen Kooperationspartner zu finden, der die Rahmen unter fairen Bedingungen produziert.  Auf einer Ghanareise haben sie dann Kwabena Danso kennengelernt. Dieser hat die NGO „Yonso Project“ gegründet, die sich vor Ort gegen Jugendarbeitslosigkeit und für gute Bildung engagiert und Fahrradrahmen aus Bambus herstellt. Mit ihm und seinem Projekt arbeiten wir bis heute eng zusammen. Nach 1,5 Jahren Entwicklungsarbeit kamen im April 2014 die ersten my Boo Bambusfahrräder auf den Markt. 

Habt ihr als Unternehmen, das als Social Business gegründet wurde, besondere Herausforderungen? 

Als Social Business wollen wir nicht nur an der Wirtschaftlichkeit unserer Produkte arbeiten, sondern auch an dessen Nachhaltigkeit und dem mit ihnen verbundenen sozialen Mehrwert. Auch unsere Kund*innen haben diesen Anspruch an uns und helfen uns damit, uns als Unternehmen sowie unsere Produkte immer wieder selbst zu überprüfen:  Welche Anbauteile verwenden wir und wo kommen diese her? Wie verpacken wir unsere Bikes? Wie können wir die Zusammenarbeit mit unserem ghanaischen Partner gestalten? Das alles sehen wir aber nicht nur als Herausforderung, sondern vor allem auch als Chance. Wir hoffen, dass sich die Welt dahingehend verändert, dass faire Wertschöpfungsketten zum Standard werden - auch weil die Nachfrage auf Seiten der Konsumierenden wächst.

Ihr seht (soziale) Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit als Faktoren, die sich gegenseitig bedingen. Welche Vorteile habt ihr dadurch gegenüber „traditionell“ wirtschaftenden Unternehmen, die Nachhaltigkeit oftmals als Bonus sehen?

Für uns kann (soziale) Nachhaltigkeit nur funktionieren, wenn sie fest in ein Unternehmen und seine Werte verankert ist. Das spornt uns als Team an und schweißt uns fester zusammen. Wir sind der festen Überzeugung, dass Wirtschaftsunternehmen – Marken – Vorbilder sein können. Unternehmer*innen können Vorbilder für Mitarbeiter*innen sein, aber vor allem auch für Kund*innen! Die Wirtschaft schafft neue Produkte und Services für die Gesellschafft und kann bei erfolgreicher Umsetzung einen massiven Einfluss auf den Zeitgeist nehmen. Darum sollte es Aufgabe der Wirtschaft sein, Produkte zu finden, diese fair herzustellen und die Welt so besser zu machen! Wir haben ein gemeinsames Ziel, welches über das Verkaufen von Fahrrädern und E-Bikes hinaus geht. Viele von uns engagieren sich zudem in unserem my Boo Ghana School e.V, welcher von Mitarbeiter*innen des Unternehmens gegründet wurde. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Schule in Ghana auch zusätzlich zur Arbeit von my Boo zu unterstützen.

Mit jedem verkauften Fahrrad schafft ihr faire Arbeitsplätze in Ghana und finanziert Bildungsprojekte. Dafür habt ihr vor Ort starke Partnerschaften aufgebaut. Welche Erfahrungen habt ihr mit diesem Geschäftsmodell gesammelt? Wie sind die Reaktionen der Kund:innen?

Wir haben sehr gute Erfahrung mit der Zusammenarbeit gemacht. Die Kommunikation mit dem Team aus Ghana basiert auf gegenseitiger Wertschätzung und wir können eine Menge voneinander lernen. Seit einigen Monaten haben wir bei uns einen Produktmanager im Team, der für die Weiterentwicklung der Rahmen zuständig ist. Er arbeitet besonders eng mit den ghanaischen Mitarbeiter*innen zusammen und reist regelmäßig nach Ghana, um unsere Rahmen dort mit ihnen weiter zu optimieren und neue Produkte zu entwickeln. Aktuell arbeiten wir an einem Cargobike aus Bambus. Dieser ständige Austausch bringt für uns einen großen Mehrwert. Besonders schön ist, dass wir auch unseren Kund*innen transparent von unserer Produktion berichten können. Sie wissen so genauer, welches Produkt sie eigentlich kaufen und unter welchen Bedingungen es entstanden ist.  

Euer Ziel ist es, dass jeder Teil der Wertschöpfungskette gleichermaßen profitieren soll. Habt ihr dieses Ziel schon erreicht? Wenn nein, wie möchtet ihr es erreichen? Wir sind sehr zufrieden mit der Produktion unserer Bambusrahmen. Dennoch sind wir uns bewusst, dass ein Fahrrad oder E-Bike aus vielen weiteren Teilen besteht, die wir nicht alle selbst herstellen können. Hier gilt es Kompromisse einzugehen und die beste Alternative zu finden. Viele unserer Zulieferer arbeiten aber seit einiger Zeit an nachhaltigen und fair produzierten Komponenten – über diese Entwicklung in der Fahrradbranche freuen wir uns sehr. Vielleicht konnten wir sogar einen kleinen Teil zum Umdenken der Branche beitragen. Trotzdem gibt es noch viel zu tun und wir freuen uns auf die Zukunft!